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Projekt KOMM! Interview

Sag mir, was ich fühle

Kindheit verändert sich

Die Grundschullehrerin Helen Renner ist schon seit zwanzig Jahren im Schuldienst. Sie ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und macht „diesen Job schon lang und gern“.

Was halten sie von dem Projekt: Komm!- wir finden eine Lösung?

Ich finde es eine sehr gute Sache, dass für uns Lehrkräfte diese Unterstützung existiert. Gerade für die Jungs. Die haben nach wie vor das größte Aggressionspotential. Wenn da ein Mann steht und mit ihnen was bespricht - das hat für sie eine ganz andere Bedeutung. Das Projekt ist eine Entlastung und eine Anregung für unsere Arbeit. Die Friedenstreppe beispielsweise kannte ich noch nicht. Sie ist eine tolle Sache. Ich bin ganz begeistert.

Bauen Sie das auch in Ihren Unterricht ein?

Ja, ich habe zwar schon Anfang des Schuljahres ein Projekt zur Gewaltprävention gemacht. Aber dieses Projekt KOMM! ist noch mal ein zusätzlicher Aufbauschritt.

Haben Sie den Eindruck, dass sich in den vergangenen 20 Jahren in der Erziehung etwas geändert hat? Müssen Sie beispielsweise Aufgaben übernehmen, die eigentlich Sache der Eltern wären?

Kindheit hat sich immer schon verändert. Auch über die letzten Generationen. Ich glaube, dass Kinder und Eltern heute viel mehr äußeren Reizen ausgesetzt sind, mit denen sie nicht fertig werden. Zum Beispiel die ganze Mediengeschichte, die Schnelllebigkeit, das Handy - immer erreichbar zu sein. Das wirft neue Probleme auf. Die Eltern versuchen mit ihren Kindern partnerschaftlich zu leben. Die bisherige Struktur - Ich bin der Boss, du machst, was ich sage – wird von den Eltern oft als Schwäche erlebt. Ich halte dies jedoch für eine Stärke. Ich muss in der Schule dann immer erstmal sagen: Hallo Kinder, ich bin hier...! Also es ändert sich. Es wird aber nicht unbedingt schwieriger. Ich finde es zu plakativ, wenn man sagt, die Kinder werden heute immer schwieriger. Rückblickend denke ich, haben das alle Generationen von den vorherigen Generationen gesagt.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Ja, die Kinder fühlen sich nicht mehr sofort selbst angesprochen. Wenn ich beispielsweise in der Du-Form mit ihnen rede: Du legst jetzt das Heft unter die Bank.Dann reagieren einige Kinder durchaus. Andere brauchen konkrete Namen dazu. Sie sind nicht mehr Teil der Gemeinschaft, sondern Individuen. Das heißt, ich müsste eigentlich 26 Namen nennen und sagen: Du, du und du jetzt auch. Ich denke, das war früher nicht so. Dafür sind die Kinder heute emanzipierter, offener und auch mutiger, wenn es darum geht, Kritik zu äußern. Das ist auch positiv.

Fällt ihnen ein konkretes Beispiel dazu ein, wie sich das Konfliktlösungsverhalten der Kinder verändert hat?

Meiner Wahrnehmung nach ist die Hemmschwelle, anderen Kindern weh zu tun, niedriger geworden. Prügeleien in die Weichteile sind keine Seltenheit. Zwanzig Jahre sind zwar eine geringe Spanne, aber das hab ich früher nicht so massiv erlebt. Da war man eher verbal gewalttätig. Die Tätlichkeiten, auch bei Erstklässlern, sind massiver geworden, finde ich.

Worauf führen Sie diese Verhaltensänderungen zurück?

Einerseits auf die Reizüberflutung, andererseits auf die Herabsetzung der Hemmschwelle. Die Kinder bekommen natürlich durch Videos, Medien oder durch Computerspiele auch aggressives Verhalten vorgeführt. Dadurch kommen sie auf Ideen, die sie von sich aus wahrscheinlich nicht hätten. Der Nachahmungseffekt ist ein Problem unserer Gesellschaft. Das sehen wir auf höheren, komplizierteren Ebenen auch. Der Extremfälle sind die Amokläufe an Schulen.

Denken Sie das Projekt Komm! ist notwendig, oder fühlen sie sich da nur angenehm unterstützt?

Nein, ich halte es für notwendig. Ich persönlich hätte sogar den Wunsch, dass es auch in einer späteren Jahrgangsstufen ergänzend eingesetzt würde. Man könnte das durchaus noch ausbauen. Wir haben ja auch Streitschlichter hier an der Schule. Insofern fände ich es als ergänzendes Projekt gut.

Gibt es kulturelle Unterschiede im Konfliktlösungspotential?

Nein, ich erlebe keine Unterschiede bezüglich Kindern mit Migrationshintergrund. In Bezug darauf ist die Konfliktlösungskompetenz dieselbe. Es ist schon so, dass manche Kinder zu Hause zuhören und diskutieren gelernt haben. Aber da würde ich nicht so plakativ zwischen Migranten oder Deutschen unterscheiden. Eher, was die Bildungsschicht angeht.

Wie haben sie vor dem Projekt Konflikte geregelt?

Ich habe ab dem zweiten Halbjahr einen Klassenrat eingeführt. Die Kinder haben Klammern mit ihrem Namen. Bei einem Konflikt können sie ihre Namen auf ein Plakat hängen. Sind da viele Namen, berufen wir einen Klassenrat ein. Wir haben Regeln eingeführt: ausreden lassen, anschauen, zuhören oder auch mal wiederholen, was ich gehört habe. Gerade die Erstklässler müssen es ganz oft üben und hören, damit sich das auch einschleift.

Haben die Kinder wirklich das Problem ihre Gefühle zu benennen?

Ja, deswegen hatten wir ja mit einem ähnlichen Projekt angefangen: die verschiedenen Gefühle wahrnehmen, in Rollenspiele gehen. Wie sieht jemand aus, der wütend ist? Wie fühlt sich das an, wenn ich das spiele? Die Kinder sollen dadurch ein bisschen sensibler werden.

Wie hat sich das Projekt auf den Unterricht ausgewirkt?

Das kann ich so jetzt noch nicht sagen. Für uns ist die Friedenstreppe neu im Klassenzimmer. Ich hoffe, dass es den Kindern bewusster wird, wie sie Konflikte friedlich lösen können.

Gab es Probleme während des Projektes? Waren beispielsweise Eltern dagegen?

Nein, es kam die Rückmeldung, dass die Eltern das einhellig toll fanden.

Gibt es Kinder, die gegen Komm! resistent waren?

Nein, alle Kinder haben sich offen und aufmerksam gezeigt. Ob das jetzt dazu führt, dass sie ihr Verhalten ändern? Das ist vielleicht ein weiter Weg. (am)