Logo mit Link zur Startseite
Start Mitglieder Spenden Presse Kontakt FAQ Impressum
Start >> Fachleute >> KinderTageszentrum Laim >> Interview mit Mutter

Ein „Merci“ für meine Helfer

Die 38-jährige Marokkanerin Abeer D. erzählt, wie sie sich mit Hilfe der MitarbeiterInnen des KinderTageszentrums (KITZ) aus dem Gefängnis ihrer Ehe befreit hat. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen im Alter von elf und acht Jahren und einem neunjährigen Jungen. 1996 folgte sie ihrem damaligen Ehemann von Marokko nach München. Als 24-Jährige hat sie den Sudanesen gegen den Rat ihrer Eltern geheiratet. „Meine Eltern misstrauten der Beziehung und machten sich Sorgen, dass ich in Deutschland ohne meine Familie sein werde.“

Wie ist es Ihnen in Ihrer Ehe ergangen?

Neun Jahre und zehn Monate davon waren die Hölle. Ich habe meiner Familie vorgemacht, dass alles positiv ist und ich glücklich bin. Doch mein Mann hat mich eingesperrt und geschlagen. Ich musste immer lügen. Aber als ich nach fast drei Jahren mit ihm nach Marokko ging, haben sie gemerkt, dass ich nicht gesund bin. Ich war dünn, habe hässliche Kleidung getragen und hatte Angst.

Sie waren fast zehn Jahre mit einem Mann zusammen, der sie und die Kinder schlug. Wie haben Sie das ausgehalten?

Früher war ich offen und hatte Selbstvertrauen. Zu Hause in der Familie war ich eine Königin. Man hat mich mit Respekt behandelt und nach meiner Meinung gefragt. Aber bei ihm war ich eine Sklavin. Er hat mich eingesperrt. Er ließ mich nur mit den Kindern aus dem Haus. Und auch darum musste ich betteln. Natürlich durfte ich nicht arbeiten. Irgendwann wurde es zuviel: 2001 ging ich für sieben Monate ins Frauenhaus.

Wie hat Ihr Mann darauf reagiert?

Er hat mich überall gesucht. In ganz Europa hat er herum telefoniert. Ich wollte nicht mit ihm reden, aber die vom Frauenhaus sagten, dass ich ihn darüber informieren müsse, wie es den Kindern geht. Sonst gebe es Schwierigkeiten vor Gericht. Ich hatte Angst davor, seine Stimme zu hören. Ich habe heute noch Angst, wenn ich ihn sehe.
Mein Ex-Mann wollte nicht, dass ich ohne ihn in Freiheit in Deutschland lebe. Außerdem war er nicht bereit, für mich und die Kinder zu zahlen.
Mein Bruder sagte, ich müsse zurück zu ihm, wegen der Kinder. Es gibt Männer, die sich bessern. Die sehen: Die Frau ist wach, die weiß was sie tut. Also bin ich zurück zu ihm. Das ging zwei Wochen gut, dann wurde es wieder schlimm.

Als sie sich im Juni 2004 von ihrem Mann trennten, haben sie trotzdem noch fast ein Jahr in einer gemeinsamen Wohnung gelebt. Wie hat das funktioniert?

Das war gefährlich. Er hat mich kontrolliert. Er suchte einen Grund, mich zu schlagen. Ein Husten hat genügt. Er wollte mein Gesicht zerstören. Er hat meine Eltern und meine Familie beleidigt und trotzdem musste ich still sein. Dreimal hat er mich in der Trennungszeit geschlagen. Aber beim dritten Mal habe ich die Polizei geholt.

Was hat die Polizei gemacht?

Sie haben ihn rausgeholt aus der Wohnung. Das war im Mai 2006. Seit Oktober 2006 ist er wieder im Sudan, und ich habe die Scheidung eingereicht. Seither lebe ich mit meinen Kindern allein.

Gab es bei der Scheidung Streit um die Kinder?

Mein Ex-Mann wollte die Kinder. Er sagte, wenn du sie sehen willst, kommst du zu Besuch. Ich antwortete ihm: Ich gebe meine Finger, meine Augen. Was du willst. Aber meine Kinder, die gebe ich nicht her. Als ich nicht nachgab, schrie er: Ich hoffe, Gott macht die Kinder kaputt in der Hand von dieser Frau. Ich blieb ruhig: Wenn Gott das macht, akzeptiere ich es. Er hat sich bei den Kindern schon seit Jahren nicht mehr gemeldet.

Ihre drei Kinder gehen jetzt zur Psychotherapie?

Ja, meine Kinder sind alle in Therapie wegen dieser Geschichte. Ich auch. Ich war psychisch fertig. Ich habe die ganze Nacht vor Angst nicht geschlafen und musste während der Trennungszeit um sechs Uhr morgens raus und zur Arbeit gehen. Ich war ganz fahl im Gesicht. Nur noch Haut und Knochen. Meine Gefühle hatte ich auf Eis gelegt. Sie müssen erst auftauen.

Woher bekamen Sie die Unterstützung Ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen?

Vom Frauenhaus und dem KITZ. Aber auch von einer älteren Nachbarin und ihrem Mann. Sie kannten meine Geschichte nicht. Trotzdem war das bayrische Paar sehr lieb. Sie haben meine Tochter zu Spaziergängen mitgenommen. Die Nachbarin ging mit mir zur Bahnhofsmission, als sie hörte, dass ich Probleme habe.

Und welche Hilfe bekamen Sie vom KITZ?

Meine Tochter und mein Sohn kommen gleich nach der Schule ins KITZ. Sie werden bei den Hausaufgaben unterstützt und auch bei psychischen Problemen. Die merken den Kindern an, wenn zu Hause etwas nicht in Ordnung ist. So haben sie auch von meinen Problemen mit meinem Ex-Ehemann erfahren und mir bei der Suche nach einem Anwalt geholfen. Auch meine Arbeitsstelle in einem Krankenhaus haben sie mir vermittelt und eine Therapeutin für mich gefunden. Ich wusste bis dahin nicht, dass es so etwas wie Therapie gibt. Frau Reisenwedel, die Leiterin vom KITZ hat mich mit dem Auto zum Anwalt und zum Sozialamt gefahren. Wir sind zusammen eine Küche kaufen gegangen und haben das Material für die Renovierung meiner Wohnung besorgt.
Zur Hilfe bei der Renovierung der Wohnung hat sogar der Bruder von Frau Reisenwedel zwei seiner Arbeiter aus dem Malergeschäft geschickt.

Wie geht es Ihnen jetzt in Deutschland?

Ich wusste vorher nicht viel über die deutsche Gesellschaft. Weil ich eingesperrt war. Mein Leben hier war nicht einfach. Ich brauchte ein starkes Herz. Allein in einem fremden Land, keine Familie, die fremde Sprache und mit drei Kindern allein. Dazu braucht man auch die Stärke und den Glauben an Gott, dass er hilft. Aber seit mein Mann weg ist, sage ich „merci“, zu allen Menschen, die mir geholfen haben. Ich habe hier die guten Leute getroffen. Wenn ich Hilfe brauche, dann kommt auch Hilfe. (am)